Schamhaarentfernung im Islam

Schamhaarentfernung nach Kulturkreis

Der Islam ist eine im 6. Jahrhundert begründete Religion und zugleich ein Kulturraum, der sich - ausgehend von der arabischen Halbinsel - über Teile Europas, Afrikas, Asiens und Amerikas erstreckt. Die (Scham-) Haarentfernung hat traditionell ihren festen Platz in den meisten Lesarten des Islam, ist jedoch nicht in den fünf Glaubensgrundsätzen - Schahāda (الشهادة); Salāt (صلاة); Zakat (زكاة); Saum (صوم); Haddsch (حج) - fundiert.

Grundlage dieser Regelungen sind vielmeht die Hadīthe (حديث) und die Sunna (سنة), in denen Sitten, Bräuche, Werte und Normen des Islam festgehalten sind. Da es sich hierbei um mündliche Überlieferungen handelt, ist der ursprüngliche Wortlaut nicht bekannt; häufig gibt es mehrere Überlieferer mit teilweise abweichenden Inhalten. Hadīthe und Sunna wiederum rekurrieren auf Fitra (فطرة), das islamische Konzept von der Natur des Menschen.

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Hadīth

Verortet sind die Regelungen bezüglich der Haarentfernung im Kontext von Vorschriften bezüglich Sauberkeit und Körperpflege. Im Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy gibt es hierzu drei Fundstellen:

Hadith 5890 aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy:

5890 - ... Ibn ‘Umar, Allāhs Wohlgefallen auf beiden, berichtete, dass der Gesandte Allāhs, Allāhs Segen und Friede auf ihm, sagte: ”Zur Fiṭra gehören: das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.“ 1

Hadith 5891 aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy:

5891 - ... Abū Huraira, Allāhs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Prophet, Allāhs Segen und Friede auf ihm, sagte: ”Zur Fiṭra gehören fünf Dinge: Die Beschneidung, das Abrasieren der Schamhaare, das Kurzschneiden des Schnurrbarts, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel und das Auszupfen der Achselhaare.“ 2

Hadith 6297 aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy:

6297 - ... Abū Huraira, Allāhs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Prophet, Allāhs Segen und Friede auf ihm, sagte: ”Zu der natürlichen Veranlagung (Fiṭra) eines Menschen gehören fünf Dinge: Die Beschneidung, das Abrasieren der Schamhaare, das Abzupfen der Achselhaare und das Kurzschneiden der Finger- und Fußnägel.“ 3

Die Entfernung der Achsel- und Schamhaare gehört deshalb für Muslime zu den strengen Regeln des islamischen Glaubens. Auslegungssache ist dagegen die Methode und Häufigkeit dieser Form der Körperpflege.

Eine verbreitete Praxis besteht darin, sich alle 40 Tage enthaaren. Frauen tun dies aber in der Regel häufiger; üblich ist die monatliche Enthaarung immer direkt nach der Menstruation 4.

Hintergrund der Hadithe zu Reinheit und Körperpflege

Im trockenen Wüstenklima, wo Wasser zu kostbar zum Waschen ist, ist eine stark reduzierte Schambehaarung von Vorteil 4. Doch auch wenn ursprünglich hygienische Gründe die Ursache für diese religiöse Reinlichkeitsregel waren, so entwickelte sich daraus auch ein Schönheitsideal, das in den islamischen Ländern, speziell im arabischen Raum und in der Türkei, bis heute verbreitet ist 4.

Gebräuche und Traditionen zur Körperpflege im Islam

Die Araber übernahmen teilweise die römische Badekultur und errichteten Bäder, die sogenannten Hamams. Neben dem Baden und Schwitzen wurde in den Hamams auch viel für die Schönheitspflege getan. Die Männer nutzten die entspannte Atmosphäre um sich zu rasieren, die Frauen epilierten sich oder färbten sich die Haare.

Jean Auguste Dominique Ingres: The Turkish Bath (1862)

Abbildung: Jean Auguste Dominique Ingres: The Turkish Bath (1862). Öl auf Leinwand. Musée du Louvre, Paris

In den Harems der Herrscher gab es speziell ausgebildete Eunuchen, die den Frauen den Körper und vor allem den Schambereich rasierten 4.

Traditionell wurden im arabischen Raum den Frauen einen Tag vor der Hochzeit alle Haare bis auf die Kopfhaare und Augenbrauen im Rahmen einer Zeremonie entfernt; teilweise ist diese Tradition auch heute noch lebendig 4. Der haarlose Körper galt als Symbol der Unbeflecktheit und Ergebenheit 4.

Methoden zur Schamhaarentfernung im islamischen Kulturraum

Traditionelle Methoden

Traditionell überlieferte Methoden zur Schamhaarentfernung sind Halawa, Rusma, Pinzette und Rasiermesser.

Halawa (auch Agda). Zur Haarentfernung benutzt man in islamischen Ländern traditionell Halawa, eine warme Paste aus Zucker und Zitronensaft, die bis heute gebräuchlich ist.

Rusma, eine arsenhaltige Enthaarungscreme ("consisted of seven parts quicklime and three parts zirnik, or orpiment (an orange to yellow mineral consisting of arsenic trisulphide)") 5

Pinzette. Die Pinzette zum Auszupfen von Achselhaaren wird im Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy in den Hadithen 5891 und 6297 erwähnt. Verschiedentlich wird auch das Auszupfen von Schamhaaren berichtet.

Rasiermesser. Zumindest seit dem 16. Jahrhundert ist die Verwendung von Rasiermessers zur Schamhaarentfernung überliefert. So berichtet der Reisende Nicolas de Nicolay von einem Besuch im Hamam, sowohl die Rusma-Paste als auch Rasiermesser seien verwendet worden:

[...] as [for] touching the privy members, they give you a razor, or rather a Psilothre (which they call rusma) which is a paste whiche beying layde upon the hearye places doeth forth-with cause the haires to fall out. And of this paste the Turkes both men and women do often use for that they do abhore to weare haire in those places. 6

Frauen verwenden eher Halawa oder Rusma als die Rasierklinge.

Wikipedia behauptet, noch eine weitere Methode zu kennen: "man riss sich die Haare mittels Fäden durch schnelle Bewegungen heraus"; dazu fehlt jedoch ein Beleg.

Moderne Methoden

Die genannten Methoden sind überliefert und gelten unter religiösen Gesichtspunkten als zulässig; zu modernen Methoden wie Laserepilation oder Enthaarungscreme gibt es eine Reihe von (sich teilweise widersprechenden) Richtlinien islamischer Autoritäten.

Schamhaarentfernung bei Muslimen in der Gegenwart

Auch heutzutage wird von Muslimas - islamischen Frauen - die komplette Entfernung der Schamhaare erwartet, wie Layla Beicht in ihrer medizinischen Dissertation zur Sexualhygiene bei arabischen und deutschen Patientinnen berichtet:

Am deutlichsten wird dies im Islam in der Lehre von „Reinheit“ und „Unrein-Sein“ und den entsprechenden Vorschriften zur Durchführung sexualhygienischer Maßnahmen. So wird beispielsweise von den Frauen eine komplette Intimrasur sowie die Waschung des gesamten Körpers nach dem Geschlechtsverkehr gefordert. 7.

Quantitative oder qualitative Erhebungen zur Einhaltung der islamischen Reinheitsgebote existieren nicht.

  • 1. Muḥammad Ibn Aḥmad Ibn Rassoul: Auszüge aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy - Monolinguale Originalausgabe (Deutsch); Auswahl und Uebersetzung von Muhammad A. Rassoul. Islamische Bibliothek, 17. verbesserte und erweiterte Auflage, Ramaḍān 1428 (September 2007), p. 441; PDF-Datei
  • 2. Muḥammad Ibn Aḥmad Ibn Rassoul: Auszüge aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy - Monolinguale Originalausgabe (Deutsch); Auswahl und Uebersetzung von Muhammad A. Rassoul. Islamische Bibliothek, 17. verbesserte und erweiterte Auflage, Ramaḍān 1428 (September 2007), p. 441 s.; PDF-Datei
  • 3. Muḥammad Ibn Aḥmad Ibn Rassoul: Auszüge aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy - Monolinguale Originalausgabe (Deutsch); Auswahl und Uebersetzung von Muhammad A. Rassoul. Islamische Bibliothek, 17. verbesserte und erweiterte Auflage, Ramaḍān 1428 (September 2007), p. 480; PDF-Datei
  • 4. a. b. c. d. e. f. Beleg fehlt
  • 5. Hans Dernschwam: Tagebuch einer Reise nach der Konstantinopel und Kleinasien (1553-1555) nach der Urschrift in Fugger-Archiv, ed. by Franz Babinger, München-Leipzig, 1923: 54-55
  • 6. Nicolas de Nicolay: The navigations, peregrinations and voyages made into Turkie. London: Thomas Dawson, 1585, p. 59; zit. in: Susan Aykut: Hairy politics: hair rituals in Ottoman and Turkish society (Junior Charles Strong Trust Lecture), delivered at the 24th Annual Conference of the Australian Association for the Study of Religions. Sydney 1999: 11
  • 7. Layla Beicht: Untersuchung zur Sexualhygiene bei arabischen und deutschen Patientinnen. Dissertation zum Erwerb des Doktorgrades der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. München 2006, p. 5; 13; PDF-Datei